Birgit Knoechel, The Autonomy of Growth, Papier, Tinte, variable Rauminstallation, 2018, Foto: Peter Oppenländer

Birgit Knoechel, The Autonomy of Growth, Papier, Tinte, variable Rauminstallation, 2018, Foto: Peter Oppenländer

Kara Walker, Darkytown Rebellion, Papierschnitt und Wandprojektion, 365 x 474 x 650 cm, 2001, Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, © Kara Walker

Kara Walker, Darkytown Rebellion, Papierschnitt und Wandprojektion, 365 x 474 x 650 cm, 2001, Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, © Kara Walker

Esther Glück, Flora, Papierschnitt, 50 x 60 cm, 2017/18, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Esther Glück, Flora, Papierschnitt, 50 x 60 cm, 2017/18, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Scharf geschnitten


Papier wird Kunst: Wie kaum eine andere Technik rückt der Scherenschnitt das Papier in den Fokus. Es ist nicht länger nur Bildträger, sondern wird selbst künstlerisches Material. Mit Schere und Messer „gezeichnet“ – oder wie Henri Matisse es formulierte: durch „Malen mit der Schere“ –, entstehen aus dem Papier unmittelbar Formen und Figuren. Die Kunst besteht dabei im Weglassen, denn in erster Linie lebt die Technik von einer strengen Reduktion auf den Umriss der Motive. In der zeitgenössischen Kunst erlebt der Scherenschnitt, der seine Blütezeit um 1800 entfaltete, eine regelrechte Renaissance. Die Städtische Galerie Neunkirchen stellt ab 25. Mai in der Ausstellung „Scharf geschnitten. Vom Scherenschnitt zum Papercut“ 15 Künstlerinnen und Künstler vor, die das Medium aufgreifen und auf vielfältige Weise neu interpretieren – und damit einen Einblick in die faszinierende Welt des Scherenschnitts geben.

So verbindet etwa die US-amerikanische Künstlerin Kara Walker den Rückbezug auf die historische Formensprache mit kritischem Gehalt: Ihre dekorativ anmutenden Silhouetten zeigen Szenen brutaler Gewalt, die auf Rassenunruhen in den Vereinigten Staaten verweisen. Die Leipziger Kunstprofessorin Annette Schröter wiederum spielt mit Zitaten aus gestrigen und heutigen Bildwelten. Ihre idyllisch-romantischen Bildmotive erweisen sich als irritierende Zeitreise. Aus der Street Art stammt die Schablonentechnik, die der belgische Künstler Kris Trappeniers für seine filigranen Scherenschnitt-Porträts nutzt. Effektvoll beziehen sie die Leerflächen zwischen den geschnittenen Linien in die Gesamtwirkung mit ein.

Vielfältig ist auch die Auseinandersetzung heutiger Künstler mit den früher so beliebten floralen Motiven. Direkten Bezug auf historische Vorbilder nehmen der international bekannte Videokünstler Marcel Odenbach (Köln) und der Konzeptkünstler Olaf Nicolai (Berlin): Als Collage aus Zeitungsfotos bildet Odenbach dekorative Blumenmotive nach und verleiht ihnen so eine zweite, politische Sinnebene. Nicolais „Pflanzen“ dagegen sind streng symmetrische, genau kalkulierte Konstrukte, die den Gegensatz von Natürlichem und Künstlichem hinterfragen.

Ein spielerisch-märchenhaftes Moment kennzeichnet die Arbeiten der israelischen Künstlerin Zipora Rafaelov. In komplexen Gespinsten hauchzarter, ineinander verflochtener Linien verstecken sich Figuren und Alltagsgegenstände. Wild wuchernd erscheint hingegen die Installation der Wiener Künstlerin Birgit Knoechl, die ihre Scherenschnitte geradezu überbordend von der Fläche in den Raum überführt.

Wie sich der per se flächige Scherenschnitt um eine räumliche Dimension erweitern lässt, zeigen auch mehrere andere Positionen: Neben den totemartigen Objekten aus zerschnittenen Büchern der schottischen Künstlerin Georgia Russell stehen die streng perspektivischen Darstellungen von Körpern und Räumen der Berliner Künstlerin Esther Glück, während Jörg Mandernach (Ludwigsburg) seine Scherenschnitte mit Textfragmenten und Raumzeichnungen verbindet, die sich auf den Wänden ausdehnen. Katharina Hinsberg, Professorin an der HBK Saar, überführt die Linie als Grundelement der Zeichnung in immer neue räumlich-abstrakte Zusammenhänge.
Die Londoner Künstlerin Charlotte McGowan-Griffin wiederum integriert mittels Collage stereometrische Körper in eine ansonsten gänzlich flächig wiedergegebene, idyllisch anmutende Szene. Mithilfe eines Computerprogramms zur 3D-Modellierung entwirft Lena von Goedeke (Berlin) Landschaften als verblüffend plastisch wirkende Drahtgittermodelle, die sie im Anschluss von Hand in Papier schneidet. Virtuelles und Natürliches, digitaler Entwurf und handwerkliche Ausführung stehen sich hier spannungsvoll gegenüber.

Inszenierungen durch Projektionen und Trickfilme erweitern zudem die Grenzen des Mediums. So gestaltet die Wuppertaler Kunstprofessorin Katja Pfeiffer verschlungene Gerüststrukturen aus Pressspan, die sich erst im Schattenwurf an der Wand zu einem erkennbaren Motiv verbinden. Valentina Stanojev (Köln) hingegen erweckt ihre Scherenschnitte in Animationsfilmen zum Leben, erzählt skurrile und tiefsinnige Geschichten.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Städtischen Galerie Stihl Waiblingen, wo sie in Kombination mit historischen Positionen der Scherenschnitttechnik zu sehen war. Die Städtische Galerie Neunkirchen konzentriert sich dagegen ganz auf die heutige Auseinandersetzung mit dem Medium. Der zeitgenössische Scherenschnitt präsentiert sich darin höchst aktuell, originell und von beeindruckender gestalterischer Bandbreite.


ERÖFFNUNG:
Freitag, 25. Mai 2018, 19.00 Uhr

ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN:
Sonntag, 10.06.18, 15.00 Uhr
Sonntag, 1.7.18, 15.00 Uhr
Sonntag, 22.7.18, 15.00 Uhr





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